Radtouristischer Ausflug zum tiefsten Cañon der Welt

Ich befinde mich ja zur Zeit in Arequipa, im Sueden Perus. Die Stadt liegt auf ca. 2800m Hoehe und ist eingebettet in tolle Berge. Aufgrund der zahlreichen Attraktionen im Umland der Stadt (Vulkane zum Bewandern, die tiefsten Schluchten der Welt, Rafting, Klettern etc pp) ist das Angebot an Touren fuer und die Anzahl der Touristen hier verdammt hoch. Aber anstatt viel Dollar fuer eine Eintagestour (mehr Zeit bleibt mir leider nicht) zum tiefsten Cañon der Welt, dem Cañon de Colca, auszugeben und im Stile eines Passivtouristen mit dem Bus durch die Landschaft gegondelt zu werden, dachte ich mir, dort auf eigene Faust mit meinem Rad ein wenig rumzufahren. Nachdem ich mir einige Informationen eingeholt und mein Busticket gekauft hatte, war dann auch alles klar gemacht. Noch am Abend vorher bereitete ich das Bike vor und packte meinen Tagesrucksack. Ich kann das Deckelfach meines grossen Wanderrucksackes abfrickeln und als provisorischen, kleinen Rucksack verwenden – sehr guenstig. Mein Wecker klingelte um ein Uhr nachts.

Der Bus in das kleine Oertchen Chivay fuhr puenklich um 0200 des Naechstens ab. Mehr schlecht als recht vor mich hindaemmernd fuehrte mich die Fahrt drei Stunden lang auf Schotterpisten ueber viereinhalbtausend Meter Hoehe die mehr aus Schlagloechern als aus Strasse bestanden. Kurz vor 0500 Uhr am Morgen erreichte der Bus den Ort. Meine Tour sollte mich von Chivay zum ca. 50km entfernten Cabanaconde entlang des Cañons fuehren. Es war noch stockfinster und a*schkalt, aber da ich keine Lust hatte bis zum Sonnenaufgang zu warten und ausserdem nicht wusste wie lange ich fuer die Strecke brauchen wuerde (der letzte Bus von dem Zielort zurueck nach Arepuipa sollte schon um 1400 am Nachmittag fahren), schwang ich mich aufs Rad und fuhr los. Zum Glueck hatte ich meine Fleecehandschuehchen vergessen, aber es waren ja auch nur knapp unter 0ºC!
Die Mondsichel reichte aus um den breiten Schotterweg etwas zu beleuchten. Konturen von grossen Steinen oder Schlagloechern konnte ich trotzdem nicht ausmachen. Na dann also einfach druff los! Zunaechst ging es von dem 3633m hoch gelegenen Chivay einige Kilometer leicht bergab, sodass ich ganz gut vorwaerts kam. Der Hoehe und der duennen Luft wurde ich mir erst bewusst, als es das erste Mal, kurz vor Morgengrauen, leicht bergan ging. Obwohl der Anstieg nicht schwer war, musste ich ganzschoen ackern. Die Atmung ging ganz gut, aber die Beine waren wohl etwas brennstoffunterversorgt.

Es daemmerte schon, als ich mich zum Fruestuecken niederliess. Schnell verdrueckte ich ein paar Broetchen und weiter gings. Die stattlichen Berge rings um mich herum verloren nun lamgsam ihr schwarzes Schattendasein und gewannen an Konturen und Farbe. Die schneebedeckten 5- und 6000er wurden zuerst in rotes Morgenlicht getaucht. Nachdem die Sonne gaenzlich aufging, nahm auch der Autoverkehr auf der Strasse zu. Mit der Zeit ueberholten mich immer mehr Busse von Ausflugsagenturen voll mit Touristen und liessen mich Staub schlucken. Die Strasse wurde nun enger. In dem Oertche Maca (3262m N.N.) kaufte ich etwas Wasser und Brot und machte mich, ein Schild auf dem „Falla Geologica“ stand passierend, auf den ersten ernstzunehmenden Anstieg. Nunmehr im Minutentakt fuhren Tourisbusse an mit vorbei – manmanman. Die Schotterstrasse schlaengelte sich den Berg hinauf, nicht sehr steil, aber ausreichendum mich ernsthaft zu fordern. Da die Sonne nun herrlich schien und waermte war es an der Zeit mich auszupellen und das Eisenschweintrikot im gleissenden Licht der Hoehensonne erstrahlen zu lassen. Ich passierte eine Bezahlstation (pah, 7$, sone Abzocke). Die Strasse ging immernoch ganz leicht bergan und wandt sich um die Bergruecken.

Der Grund des Cañons zu meiner rechten war schon laengst nicht mehr zu sehen, da erreichte ich eine netten Ausblick. Bald muesste ich auch die Stelle die unter den Namen Cruz del Condor bekannt ist erreichen. Nun, ich verliess die Strasse und liess mich auf einem Pfad durch Kakteen hinab zu dem herrgerichteten (Maeuerchen, geschotterter Wanderweg etc) Ausblick hinunterrollen. Der Blick war grandios – aber mit einem Mal traf mich der Schlag! Als ich meinen Blick dem Cañon und der Strasse weiter folgend nach links wandt, wurde mir das ganze Ausmass des Unheils mit einem Mal bewusst. Die Stelle ca. 500m die Strasse leicht bergauf an dem Bergvorsprung erkannte ich sogleich als Cruz del Condor: Unmassen von Touristen bevoelkerten den Hang und dutzende und aberdutzenden Busse parkten in der Naehe. Ein Bild des Schreckens fuer mich in der Weite und Schoenheit dieser spektakulaeren Natur. Nachdem ich die Einsamkeit an meinem Ausblick genosse, machte ich mich auf den geschotterten Wanderweg hinauf bis Cruz del Condor zu folgen. Zunaechst leicht bergab, dann berauf. Ueber mir schwirrten zwei Kondore mit ihren riesigen Fluegelspannweiten und ich hoffte sie moegen mich nicht als gefundenes Fraesschen ausmachen, sich auf mich stuerzen, mit ihren Krallen packen und davonziehen.
Ich kaempfte mich den Schotterweg bergan. Da ich mittlerweile wieder auf ca. 3600m Hoehe angelangt und die Luft hier bereits recht duenn war, hatte ich das Gefuehl, meine Lungen wuerden gleich implodieren. Einmal musste ich kurz absteigen und heftigst nach Luft ringen. Dann kaempfte ich mich durch die zunehmenden Touristenmassen bergauf zur Strasse – mein ESK-Trikot und die Blicke der Passivtouristen gaben mir Kraft. Kurz hielt ich an dem Ausblick inne, erkundigte mich nach der Uhrzeit (0935) und zog dann schnell von dannen.

Es ging noch ein paar Meter leicht bergan auf der Strasse, doch dann konnte ich wieder leichten Fusses bergabrollern. Bis nach Cabanaconde ging es dann nurnoch runter. Die mit Steinen, Rippeln und Schlagloechern uebersaehte Piste maltretierte meine Handgelenke. Um ca. 1030 Uhr kam ich in Cabanaconde (3287m N.N.) an – und erwischte sogleich einen Bus zurueck nach Arequipa. Ich hatte keine Lust ueber drei Stunden in diesem Oertchen auf den naechsten zu warten, also lud ich mein Rad ein und setzte mich hungrig und durstig hinten in den Bus. Zwei kleine Kinder fanden meine Kreuzberg-Muetze lustig und benutzten mich zudem als willkommende Unterhaltung (Zwicken, auf mich drauf mich drauf klettern etc), doch ich war schlagkaputt und konnte mich nicht waeren. Die 50km auf dieser Hoehe haben mir doch ganzschoen was abverlangt. Ich schlief langam ein.

Kurz vor dem Ausgangsort meiner Radtour Chivay hatte der Bus noch eine Panne und stand ne Stunde rum. In Chivay erfuhr ich dann, dass der Bus weiter nach Arequipa schon voll sei und ich keinen Sitzplatz mehr bekommen koennte. Der Bus war sowieso total vollgestopft. In dem Gang zwischen den Sitzen standen noch Unmengen an Leuten und ich teilte mir mit acht anderen Peruaner den engen Platz vorne in der Fahrerkabine. Ich hocke ganz vorn an der Windschutzscheibe des Busses und hatte so wenigstens nen tollen Ausblick.
Um 1900 Uhr erreichter der Bus Arequipa, mit dem Taxi liess ich mich zum Hostel shutteln, ehe ich mir unter der heissen Dusche zur Belohnung ein kaltes Duschbier goennte.

War ne tolle Tour, endlich mal wieder so richtig schick Rad gefahren. Die Landschaft und der Cañon waren auch grossartig. Obwohl ich mir vom angeblich tiefsten Cañon der Welt ein wenig mehr versprochen hatte. Trotzdem unvergesslich.

rb

4 Antworten auf “Radtouristischer Ausflug zum tiefsten Cañon der Welt”


  • Geil, geil, geil. Rob alter Andenindianer. Ich verspreche hiermit hoch und heilig, bei dem demnächst anstehenden Diaabend ganz still und andächtig dazusitzen und Deinen Ausführungen zu lauschen. Oh man, ich bin schon ganz gespannt…

  • Bei den zwei Kondoren (ähm Kondors oder Kondortieren) hätte ich an Deiner Stelle auch Angst gehabt…

    Rob als Kinderhüpfburg, wie süüüüüüß ;-)
    dd

  • Ach Rob, hätten wir alle gewußt, in welchen Gegenden du dich rumtreibst, hätten wir alle zusammengelegt und dir eine Digitalknipse für die Reise geschenkt, um nicht so verdammt lange auf die Bilder warten zu müssen!!! Aber so muß ich mir eben in meiner Fanatasie vorstellen wie der Rob mutterseelenallein unter der Mondsichel mit wenig Sauerstoff im Hirn sich die Berge neben stinkenden und rußigen Bussen hochquält. Und ich stelle es mir bestimmt viel zu abenteurlich-romantisch vor, wie du vorne an der Fronstscheibe des Busses klebst und lässig hinab in sie Schluchten blickst, während der Bus halsbrecherisch die Serpentinen nimmt.

    Ritzelflitzer

  • Hallo Rob,
    Respekt vor der Leistung
    – an Motivation (für’s nächtliche Aufstehen), und
    – der Puste in diesen martialischen Höhen.
    Komm gesund zurück…

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