Die Lage im Land und die Meinige

Tja, in Bolivien steppt der Baer – und wuerde man keine Nachrichten sehen, bekaeme man in Tarija davon nichts mit. Zwar war die Stadt letzte Woche auch ein paar Tage durch Blockierungen abgeriegelt, aber in der Stadt kriegt man davon nichts mit. Hier laeuft alles wie immer: die Sonne scheint jeden Tag, auf den Maerkten herrscht hecktisches Teiben, der fuer boloviansiche Verhaeltnisse uebermaessig hohe Privatverkehr quetscht sich durch die Straesschen und ich geh halt Arbeiten oder dies und das machen. Unvostellbar, dass man in der Hauptstadt La Paz kaum das Haus verlassen kann, dass dort Nahrungsmittel und Benzin knapp werden und die Stadt praktisch lahmgelegt ist. Auch die Autonomiebewegungen in der Region Santa Cruz im Suedosten Boliviens klingen wenig erfreulich.

Letzteres hat dazu gefuehrt, dass die zweitgroesste Stadt des Landes, Santa Cruz, seit heute auch vollstaendig blockiert ist und keine Verkehr rein und raus geht. Da kann ich mir wohl vorersten abschminken, den Huetti, der zur Zeit dort auch ein Praktikum macht, zu besuchen. Diese Blockierungen sehen dann wie folgt aus: ein paar Leute die irgendein Anliegen haben schmeissen Steine auf die Strasse damit keiner durchkommt, buddeln den Strassenrand auf damit keiner vorbeikommt und beschmeissen jeden mit Steinen der es trotzdem versucht. Und so vergehen dann Tage und der ganze Verkehr ist lahmgelegt. Und so sieht das dann aus, hab mal zwei Bilder aus dem Netz zusammengesucht:

Vom Huetti aus Santa Cruz erreichte mich gerade eine Mail mit folgendem, interessanten Inhalt:

Erkenntnisse/Einschaetzung der Botschaft:

Nach Aussagen von Polizei und Militaer sind auf dem Weg nach La
Paz oder es befinden sich in El Alto und La Paz geschaetzt
zwischen 30.000 – 50.000 campesinos, cocaleros, mineros aus den
Yungas, dem Chapare und anderen Regionen des Landes. Heute wurden
von der Polizei in El Alto ueber 110 Kleinbusse mit anreisenden
Demonstranten gezaehlt.
Angedroht ist die Besetzung von oeffentlichen Gebaeuden in La Paz.
Da inzwischen im Landesinnern (Sta. Cruz und in Cochabamba)
Oelfoerderanlagen (u.a Chaco in der Provinz Sta. Rosa) besetzt
sind, ist eine weitere Eskalation nicht ausgeschlossen.
La Paz ist durch die Blockade der Tankanlage in Senkata im El Alto
ohne Treibstoff, Gas und die Lebensmittel werden inzwischen knapp;
ab heute gibt es kaum Brot mehr in der Stadt.

Da keine kurzfristige politische Loesung in Aussicht ist, weil
u.a. die Forderung nach Nationalisierung saemtlicher natuerlicher
Ressourcen die Szene beherrscht, muss mit einer noch Tage
andauernden Spannung im Land gerechnet werden. Ob es der
katholischen Kirche gelingt kurzfristig einen Ausweg aus der
politischen Krise zu finden (u.a. moegl. Ruecktritt der Regierung,
Aufloesung des Parlaments, vorgezogene Neuwahlen,
Uebergangsregierung mit dem Praesidenten des Obersten
Gerichtshofes) ist zur Stunde noch offen.

Es bleibt also weiterhin spannend! Ihr muesst euch aber um mich keine Sorgen machen. Zwar kommen viele Politiker aus Tarija (deswegen ist die Stadt auch so schoen gruen) und im Departemento Tarija wird das meiste Oel gefoerdert, Zustaende wir in den anderen grossen Staedten oder gar La Paz sind hier aber auszuschliessen.

Ich habe z.Z. ganz eigene Sorgen: Seit knapp einer Woche ist bei mir das Wasser abgestellt. Die letzte Rate wurde wohl nicht bezahlt, aber obwohl das der Jorge (mein „Vermieter“, ein Deutsch-Bolivianer) nachgeholt hat, lassen sie sich mit dem Anstellen wohl noch etwas Zeit. Und das Telefon geht auch noch nicht.

Das letzte Wochenende habe ich zum ersten Mal komplett in Tarija verbracht:
Am Freitag war ich nach der Arbeit zunaechst mit einem Dutzend Kollegen Volleyball Spielen. Man spielt das hier in einer kleinen Halle die von den Abmessungen her einem Squasch-Platz gleicht. Und das bedeutet man spielt mit Seiten- und Rueckwand – wie beim Squasch halt. War mal was ganz neues und beduerfte etwas Eingewoehnung, aber hat echt saubock gemacht. Danach gings in Konganas, ne Kneipe, dann in eine Peña, da wird traditionelle, bolivianische Musik gespielt (seehhr gewoehnungsbeduerftig, aber doch sehr lustig irgendwie) und danach bin ich noch mitn paar Leuten in eine der Discos hier. Mit genug Alkohol war es einige Zeit auszuhalten, aber das was sie da speilen und sich Musik nennt, raubt einem dann doch irgendwann allen Ich-kann-auch-bei-schlechter-Musik-Spass-haben-Optimismus und so bin ich gegen 0400 heim.

Gegen 12:30 bin ich am Sonntag hochgeschreckt, wollte ich doch um eins beim Geburtstag von Hugo sein. Hugo ist der Mann von Conny, der Frau vom DED ueber die ich das Praktikum mache. Ich bin fix hin (ohne Fruehstueck und so) und mit der Zeit trudelten alle Gaeste ein – ausser Hugo. Der sass im 4-Autostunden entfernten Entre Rios und konnte kein Benzin auftreiben um zu seinem Geburtstag zu fahren. Tzzz – Bolivien halt. Wir haben dann ohne ihn gefeiert. Am Abend bin ich mit Jorge und seiner Freudin ins Kino Fussball gucken (Bolivien gegen den Erzrivalen Chile). Beide haben aeusserst bescheiden gespielt und da Bolivien zur Halbzeit schon 0:2 hinten lag, haben wir es vorgezogen den Rest der Nacht in einer Bar zu verbringen. Da kamen immer ein paar Leute vorbei die Jorge kennt – und der kennt viele Leute. Na war auch ganz amuesant. Ich bin dann eine Stunde nach Mitternacht heim und hab erstmal etwas Wasser getrunken, es war glaube ich das erste Unakloholische seit dem Aufstehen am Morgen…

Vielleicht finde ich am naechsten Wochenende mal die Zeit meinen Garten mit der fetten Palme etwas auf Fordermann zu bringen, glaube ich aber kaum.
In einem der vier „Supermaerkte“ Tarijas gibt es einige Sachen, die man hier nicht erwartet: Playadito Yerba Mate (hab ich mir gleich mal nen Vorratspacket gekauft), original Kahlúa Kaffeelikoer (hab ich mir gleich mal ne Flasche geholt, zusammen mit Wodka und Milch ergibt das ja schliesslich den leckersten Drink der Welt) und Nutella! Letzteres hab ich bisher geschafft nicht zu kaufen, kostet doch ein Glas (350ml) 30 Bolis (3EUR) und davon koennte ich im besten Restaurant am Platz fuerstlich essen gehen – oder eine ganze Woche in einem normalen Restaurant. Aber ob ich das durchhalte ;)

Sodenn, hasta luego, die naechste Mitteilung gibts in Kuerze…

(die bilder sind alle ausm netz und nicht von mir, quelle: rechte maustaste uffs bild und dann probied…aeh eigenschaften)

5 Antworten auf “Die Lage im Land und die Meinige”


  • Ja lieber Rob,

    während du den artikel geschrieben hast hatte der oberscheffe boliviens ein einsehen. er hat in feinster schrödermanier das handtuch geworfen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Carlos_Mesa

    mal sehen wie es weitergeht. merci für die unterhaltsamen vor-ort-berichte. übrigends sahen die straßen während meines agrar-geografischen praktikums in chiapas (1995) bisweilen sehr ähnlich aus. geomorphologisch läßt sich durch die absente korngrößensortierung des grobkieses auf eine sehr schnelle ablagerung schließen. erstaunlich, mit welcher gelassenheit die einheimische bevölkerung auf solche vorgänge reagiert.

  • Moinsen rob,
    schmink dir das gleich ma ab mit dem ruhigen wochenende und so! mesas rücktritt (entgegen der meinung unserer deutschen anzugfiguren, doch rascher als gedacht) hat hier einiges bewirkt. vielleicht ist ja dann bald evo an der reihe („der könig ist tot, es lebe der könig“)…auf den fahren die bloquistas ja auch ab (zum. zum teil).
    das einstige hinderniss wäre noch camiri, da weiss ich nicht wie die lage aussieht, kann mir aber aufgrund der größe und abgeschiedenheit nicht vorstellen, dass da was am laufen ist.
    denn hoffich ma von dir zu hören.
    hasta pronto choco!
    hütti
    ps: tu halt so als ob man hier in santa cruz irgendwas mitbekommen würde von den lapaz-stapazen ;) alles tranquilo inner stadt.

  • Hohohochiming, na wenn schon die Studentenproteste 2003 nix gebracht haben, dann wenigstens jetzt nen Umsturz! Robsen, Du bist ein ganz Großer, gehst in die Zeitgeschichte ein!!!

    Und das mit der Korngrößensortierung, ich lach mich schlapp… ;-))))))))

  • mensch rob, wo du dich rumtreibst. ich hör heut noch im dlf so sachen wie „…kurz vorm bürgerkrieg“ und denk noch wie gemütlich ichs hier hab. hoffentlich schieben sie bei dir weiter ne ruhige kugel… ansonsten – no risk, no fun. viel spaß da unten!

    BF

  • die größte Gefahr scheint ja jetzt doch gebannt, aber halte schön den Kopf unten, Rob!

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