Over the Hills – ein verspäteter Tourbericht

von Sketcher

Besser spät als nie. Dieser schöne Satz betrifft sowohl die Verspätung , mit der ich diesen Bericht einer Tour schreibe, als auch die Tour selbst.

Seit 3 Jahren hatte ich den Plan, meine alte Tante in Kindelbrück per Bike zu besuchen. An sich ist das bei einer Entfernung von etwa 100 Kilometern ja kein Problem. Doch hatte ich mir vorgenommen, sowenig Asphalt wie möglich zu benutzen, und das ist bei einem Weg quer durch Nordthüringen nicht so ganz einfach.
So brütete ich lange Zeit über den Karten und markierte mir Feldweg um Feldweg. Bis ich dann auf den Plan verfiel, nicht durch die Täler, sondern über die Höhen zu fahren. Ich würde mich über den Westerwald schlagen, dann weiter über den Dün, der in die Heinleite übergeht. Bis ich dann am Wipperdurchbruch rechts ins Tal nach Kindelbrück fahren würde. Das einzige Problem war nur die Rückfahrt. Ich hatte keine Ahnung, wie geschafft ich nach solch einer Tour sein würde.
Doch dann kam der 73. Geburtstag meiner Tante und damit die Lösung: Meine Frau fährt mit den Kindern im Volvo dorthin und kann mich auf der Rückfahrt wieder mit nach hause nehmen, die Lizzy (mein Bike) auf’s Autodach geschnallt. Alles klar!

Am 28. August früh um 6 Uhr fahre ich los. Es scheint ein schöner Spätsommertag zu werden, doch im Moment ist es noch kühl. Ich ziehe die Windweste über. Nach ein paar Kilometern im sanft ansteigenden Tal der Lutter geht es in die erste Steigung des Tages: Im Westerwald 200Hm hinauf nach Küllstädt. Da wird es gleich mir schön warm und auch die Lizzy läuft wie ein gut geschmiertes Uhrwerk. Bald sind wir oben.
Noch nicht viel los auf der Gass. Ich fahre bis zu alten Bahnhof, denn ab da geht es wieder in den Wald hinein. „Die Hollau“ nennt sich das Waldstück und der Weg führt mich meist abwärts bis zur Lengefelder Warte.

Ab jetzt erwartet mich unbekanntes Terrain: Den alten Mühlhäuser Landgraben kenne ich nur von Eigenrieden bis hierher. Jetzt geht es auf diesem genialen Singletrail weiter: neues Land erfahren.

Er fängt schlimm an, der Trail. Teils zugewachsen und voller herabgefallener Äste. Die vielen Wurzeln hab ich ja erwartet, doch hier liegen teils ganze Bäume quer, so das ich oft absteigen muß, um die Lizzy über die Hindernisse zu tragen. Glücklicherweise geht es die ersten Kilometer bergab, kurz vor der Unstrutbrücke sogar ordentlich steil, so daß ich doch häufig fahren kann. Nach der Brücke führt der Trail jedoch unfahrbar steil wieder hinauf. Dann wird es wieder etwas flacher, auch der Trail ist fahrbar. Doch geht er ständig bergauf. Alle paar Meter muß ich das Vorderrad über eine fette Wurzel wuchten. Bald bin ich schweißgebadet. Die Weste ist schon lange im Rucksack verschwunden und ich quäle mich etwa 150Hm aufwärts zur Eigenröder Warte. Diese Warten stehen als Reste einer alten Wehranlage in regelmäßigen Abständen verteilt am Mühlhäuser Landgraben. Bei der Eigenröder will ich Pause machen. Im Vorgefühl des kleinen Frühstücks, das ich mir gönnen will, passe ich nicht auf. Ein spitzer Ast fährt mir ins Hosenbein, ratscht auf der Innenseite des linken Oberschenkels, bleibt dann kurz vor meinen besten Stück hängen und … bricht ab. Puh! Da hab ich noch mach Schwein gehabt! Es blutet zwar etwas, aber das hätte auch verdammt böse ausgehen können. Denn Schreck noch in den Knochen erreiche ich mein Zwischenziel.

Die nächste böse Überraschung: Es ist fast 9Uhr und ich habe erst 25km zurückgelegt. Dazu bin ich schon ziemlich fertig. Und das in nicht mal 3 Stunden! Das darf doch nicht war sein! Der Graben bringt mein ganzes Konzept durcheinander. Karte raus!
Der Graben läuft noch 5km in meine Richtung, doch das wird mir jetzt zu heftig, mein Weg ist noch weit. Also fahre ich jetzt gleich zum Dün. Über Hüpstädt sind es auf der Landstraße nur 3km bis ich wieder Offroad bin. Das kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren.
Durch die kleine Pause und das Stückchen Straße bin ich schon wieder recht erholt, als ich den Dün erreiche. Auf seinem breiten Rücken kommt man schnell voran. Wenn ich auch manchmal nicht so genau weiß, auf welchem seiner vielen Höhenwege ich bin. Bald erreiche ich den riesigen Krater des Kalksteinabbaus vom Zementwerk Deuna. Es ist unfassbar, welch eine Wunde man hier in den Wald gerissen hat. Ich brauche bestimmt eine Viertelstunde, bis ich am anderen Ende bin. Ich fölge dem erstbesten Weg, der nach Osten führt und fahre wieder durch schönsten Buchenwald. Am Rondell, ein Aussichtspunkt, treffe ich wieder auf die Landstraße. Laut Karte führen mich die nächsten Waldwege zu weit rechts ab von meinem Kurs und ins Tal. So folge ich der Landstraße ein Stück, bis ich wieder einen Waldweg finde, der mir passt. Holzeinschläge halten mich etwas auf. Wege, die auf der Karte so gut aussehen, sind völlig zugewachsen und unpassierbar, aber im großen und ganzen komme ich gut vorwärts.

Dann komme ich wieder an eine Landstraße. Sie ist gesperrt, denn die Bitumenschicht ist abgetragen. Auf dem feinen Schotter fährt es sich zwar staubig, aber schnell. Ich komme zu einem kleinen Dorf namens Kleinlengeden. 2km danach fahre ich wieder in den Wald. Es ist der Weg, den ich geplant hatte, und er fährt sich gut.
Ich finde einen Wegweiser auf dem Sondershausen steht und „Ritterweg“. Also bin ich schon auf der Hainleite. Bald müßte ich die Hälfte meiner Tour geschafft haben. Der Ritterweg führt mich lange Zeit gradaus und dann schnurstraks zum Frauenberg. Vor mir liegt Sondershausen. Eine Wahnsinnsaussicht ins weite Land schafft in mir ein befriedigendes Hochgefühl. 70 Kilometer stehen auf meinem Tacho. Die Beine sind schon etwas schwer, doch ich fühle mich insgesamt sehr gut. Mein Bike hat auch keine Zicken gemacht und so sitze ich fröhlich auf dem Frauenberg im Gras und verzehre mein letztes Brötchen.
Ein keiner Trupp Wanderer kommt auch hinauf. Die ersten, die ich heute sehe. Ältere Leute. Wir kommen ins Gespräch: woher, wohin? Es stellt sich heraus, das eine der alten Damen in den 60er Jahren Lehrerin in Großbartloff gewesen ist. Schöne Grüße, schönen Tag noch!

Jetzt kommt endlich mal wieder eine schöne Abfahrt ins Tal. Die zwei obersten Stufen lass ich aus, die sind mir zu heftig. Doch den restlichen Trail schaffe ich ohne abzusetzen. Sehr geil!
Sondershausen ist schnell durchquert. Ich finde auf der gegenüberligenden Seite den Einstieg, um wieder auf den Rücken der Hainleite zu kommen. Doch die Götter haben mir davor den „Prinzessinenweg“ gebaut. Keine Ahnung warum der so heißt. Jedenfalls habe ich ordentlich Mühe diese elende Steigung in einem Stück durchzufahren. Oben erreiche ich den „Possen“. Ziemlich alle, doch in der Gewissheit, daß das eben der letzte Anstieg für heute gewesen sei. Leider stellte sich das später als Irrtum heraus.

Eigentlich wollte ich mir den Possen etwas genauer ansehen, es ist ein ziemlich großes Gelände mit Jagtschloss, Aussichtsturm und so, doch da oben ist heute der Bär los. Besser gesagt die Pferde, den Hunz und Kunz liefen mit ihren Zossen hin und her, die Musi spuilte und es gab massig Remmidemmi. Nix für mich. Ich fahre querdurch und ohne die Karte zu bemühen, den nächsten Waldweg wieder ab.
Nach geraumer Zeit und ettlichen Weggabeln suchte ich meinen Kurs zu bestimmen und fuhr einen vermeintlich richtigen Pfad, der nach einigen Kilometern jedoch unweigerlich ins Tal führte. Nun egal, du kommst schon irgendwo wieder raus, dachte ich mir. Tat ich auch und kam nach endloser Bergabreise an ein Dörfchen namens Hachelbich. Der Blick auf die Karte verriet mir, das ich leider auf der nördlichen, statt auf der südlich Seite abgefahren war. Oh sketcher, mein Alter, du wirst nie ein guter Orientierungsfahrer!

Hundertachtzig Grad gewendet und den Berg wieder hochgekurbelt. Sind ja blos höchsten 200Hm. Doch meine Beine sind schon etwas schwerer. Trotzdem, als ich einen schmalen feinen Singletrail sehe, biege ich darauf ab. Auch er führt mich nach oben, über kleine Brücken und durch romantischen Wald. Da tun die Beine schon fast nicht mehr weh.
Oben steht dann endlich auch mal wieder ein Wegweiser. Doch ich weiß jetzt sowieso wo ich bin. Kurz bevor die Wipper die Hainleite durchschneidet, fahre ich ab ins Tal. Diesmal auf der richtigen Seite.

Einige Zeit später stehe ich an der Wipper. Laut Karte sollte dieser Feldweg weiter über eine Brücke führen, doch da ist keine. Ich fahre wieder ein Stück zurück nach Bilzingsleben und muß für die letzten Kilometer doch noch mal Landstraße fahren. Aber das ist mir jetzt auch egal.
Es ist 15 Uhr als ich ankomme. Mittlerweile ist es recht warm geworden. Mein Wasser ist alle, doch bei meiner Tante, die sich über meinen unerwarteten Besuch sehr freut, steht kühles Bier im Keller.
Eine halbe Stunde später, als ich auf der Veranda sitze und eben die erste Flasche geleert habe, trifft mit lautem Hallo meine Familie ein und ich muß den Jungs von meinen „Heldentaten“ berichten.

Es war eine wirklich schöne und interessante Tour. Vielleicht mache ich sie in diesem Jahr wieder und vielleicht kommt ja auch einer von euch mit.

Grüße,
sketcher

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