Die TRASSE

Rob’s Fortsetzung

Ja, mein Vorschlag die Trasse abzufahren war wirklich ernstgemeint. Deswegen freute ich mich umso mehr, dass Rikman sofort darauf einging. Leider konnten wir das Vorhaben, wirklich NUR auf der Trasse zu fahren nicht ganz realisieren, da sie, besonders weiter im Süden desöfteren von Feldern bedeckt war. So kamen aber noch ein paar Kilometer mehr dabei heraus.

Rikman hat den Hauptteil des ‚Alpencross Brandenburgs‘ ja schon beschrieben, ich will trotzdem noch etwas ausholen.

Nach dem Örtchen mit dem schönen Namen Petkus konnten wir wunderbarste Trasse abfahren, bevor wir an einem Getreidefeld riesigen Ausmaßes stoppen mussten. Ein Blick von einem Hochstand verriet das Ende des Feldes nicht und so mussten wir unseren Weg an Ackerrändern und über gepflügte, knochentrocken-harte Äcker fortsetzen. Mit meiner Judy mit effektiven 2cm Federweg, der aber auch erst dann genutzt wird, wenn man mit 30km/h gegen eine Bordsteinkante brummt, kein wirklicher Spass. Ich glaube die Pace RC30 hat da mehr Schockabsortion. Nochmal zur Trasse: ich konnte es kaum glauben, aber das Befahren machte wirklich saumäßig Spass, denn diese Schneise im Wald folgt ungehindert dem Relief der Landschaft und führt durch keinen Ort. Wenn man sie nicht umfahren muss, kann man locker 30km am Stück fahren ohne auch nur ein Haus oder eine Menschensehle zu sehen.

Wir kamen also nach Schlenzer, dem Ort wo jede Strasse gleich heisst – Einöde pur. Hier hatten wir schon ca. 70km auf dem Tacho. Leider war ab hier auch immermal der ein oder andere kurze Kilomterer Strasse dabei. Die nächsten Stationen waren ziemlich unspektakulär. In Langenpissdorf knurrte mir mächtig der Magen, also hielten wir an einer Gaststätte mit herzbrecherischem, ostdeutschen Autobahnraststättencharm an, mussten aber leider das Schild mit der Aufschrift ‚Sommerpause. Next 23.8.‘ lesen. Nun gut, wirtschaften hat man hier noch nicht gelernt. Aber im nächsten Ort konnten wir Regionalentwicklung am eigenen Leibe erfahren, gab es doch dank der Skatertouris ein annehmbares Lokal in dem wir uns für die nächsten Kilomter ein leckeres Kirsch-Quark-Fundament legen konnten. Frisch gestärkt stiessen wir in den Wald. Die Wege waren hier gut fahrbar, sodass wir mit 25km/h durch die Heide knallten. Ausnahmsweise entsprach hier die Heide auch dem Bild das man normalerweise von einer Heide hat: flache Kiefern, Birken, lila Heidekräuter und Gras en mas. Problem war nur, dass der Weg plötzlich zu Ende war und es nurnoch in westlicher Richtung ging ging. Aber es war richtig. Wir sind nur so schnell unterwegs gewesen, dass wir nicht dachten schon an der brandenburgisch-sachsen-anhaltinischen Grenze (was für ein Wort) zu sein. Auf sehr flotte Weise gelangten wir nun w

eiter. Es lief, obwohl wir nun schon weit über 100km in den Beinen hatten noch überraschend gut. Die Wege liessen aber auch ein hohes Tempo zu – obschon man sagen muss, dass wir auf der ganzen Strecke merklichen Gegenwind aus SW hatten. Doch der Kuchen gab genug Kraft. Wir gelangten also über einige Schlenker und nach weiteren 30km nach Lutherstadt-Wittenberg. Der Ort hat ein wahrlich pitoreskes Innenstädtchen, jedoch die Leute die heute hier wohnen scheinen von dem Stile der damaligen Zeit wenig übrigbehalten zu haben. Also ich meine genrell von Stil.

Wie schon erwähnt nahm eine äußerst trübselige Gestalt unsere Bestellung auf. Zu unserem Entsetzen führte die Lokalität kein Hefeweizen, obwohl alle Stühle mit ‚Erdinger Weissbier‘ bedruckt waren. Zu unserem zweiten Entsetzen verlangte man von uns sage und schreibe VIER Eurosen für ein Pils zu löhnen. Nach dreimaligen Nachfragen meinerseits und dreimaligen Bejahen der anderen Seite legten wir die Kohle auf den Tisch und dampften ab. Und das in einer Stadt in der nur häßliche, arbeitslose Menschen wohnen – Deutschland gute Nacht. Wir machten uns auf zum Bahnhof und konnten unterwegs die Lagerhallen und dazugehörigen Güterzüge der Bundesmonopolverwaltung für Branntweine entdecken. Für das Anstechen eines Güterwaggongs blieb leider keine Zeit mehr, sollte unser RE nach Berlin doch gleich abfahren. RE? Nix da! In Wittenberg – man ist ja schliesslich Weltstadt und hier hat vor 500 Jahren nicht irgendwer vergilbte Zettel an morsche Kirchentüren gehämmert – verkehren nach Berlin nur noch ICE’s! Deutschland gute Nacht!

Die ausweglose Situation schnell erkannt beschlossen wir den bereitstehenden Zug nach Dessau zu nehmen. Dieses Kaff war uns aus Jockels Erzählungen bekannt und auch Eisenschwein Clemens1 verbingt seine Tage dort mit Studieren. Unterwegs konnten wir bei der überaus netten und gesprächigen Schaffnerin unsere Tickets nach Beeliz-Heilstädten (ab dort sollte unser C-Ticket von Berlin gelten) erwerben: 12,4EUR. Hossa! Und dann auch noch ne Fahrradkarte dazu. Aber nee, 12,4 ist ja der Preis von Wittenberg direkt nach Berlin und wir mussten ja über Dessau – macht dann 15,6. In Dessau angekommen stellten wir fest, dass der nächste RE nach Berlin erst in über einer Stunde fährt und zudem dann noch 2 Stunden braucht bis zum Ostbahnhof – dafür zahlt man doch gerne mehr! Deutschland gute Nacht!

Eine kleine Stadtrundfahrt brachte uns das ganze Elend dieses Ortes näher und so beschlossen wir die restliche Zeit bei einem gepflegten Weissbier zu verbringen. Idyllisch an einer vielbefahrenen Strasse sitzend konnte man das noch größerer Elend der hiesigen Bevölkerung wahrnehmen, deren einzige Befriedigung darin liegt, unschuldige Menschen mit denkbar schlechter Musik aus denkbar prolligen Autos zu beschallen. Bei mehr als jedem zweiten KFZ war das der Fall. Deutschland gute Nacht! Erfrischt nach dem Weizen rollten wir zurück zum Bahnhof und erspähten unterwegs ein Spätverkauf der gekühltes Flaschenbier für 1 Euro preisbot. Eine bessere Beschäftigung für die lange Zugfahrt war nicht denkbar. Ausserdem konnten wir so gut unsere ausgeschwitzten Mineralstoffe zuführen. Ich also vier Hülsen eingepackt und ab gings.

Am Bahnhof konnte ein Schild mit einmaliger Aufsschrift fotodokumentarisch festgehalten werden: ‚Radführen erlaubt!‘ Auf dem Bahnsteig wartend wurde uns das Größte aller Elende vor Augen geführt: besoffene sächsiche Regionalligafussballfans. Deutschland gute Nacht! Die Bahnfahrt über liessen wir es uns gut gehen, tranken uns etwas Hoffnung an was unser Land angeht und resümierten die geniale Tour.

Nicht nur das unsere längste Tour mit dem Geländerad bisher war, es war auch eine der schönsten die ich gefahren bin. Ich war überrascht, dass wir bis zum Schluss ordentlich Druck aufs Pedal bringen konnten – und das bei über 130km. Der Beginn der Tour war zwar mit am härtesten, aber wir konnten unser eigenes Tempo fahren (und waren dabei trotzdem flink unterwegs). Ich denke wir werden nicht das letzte Mal die Trasse, unseren treuen und ehrlichen Freund, besucht haben.

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