Die TRASSE

Ganz interessant waren die Kilometermarkierungen der Trasse. Da sah man den stellenweise, wie wenig man schon geschafft hat. Trotzdem wusste ich die ganze Zeit, dass wir das Ding nach Hause bringen — wie geplant und bevor es dunkel wird. Wir waren gerade irgendwo hinter Egsdorf in der Neuendorfer Heide. Wer aus der Gegend kommt, oder dort schon mal Biken war, weiss, was es mit dem Begriff „Heide“ auf sich hat (wenn ich es mir so ueberlege, gilt das fuer ganz Brandenburg). Ich habe mir mal irgendwann angewoehnt, Landstriche, die dieses Wort im Namen tragen ob der schier unendlichen Vorkommen von Zuckersand tunlichst zu meiden (ich meine, hier und da mal paar Kilometer ist schon in Ordnung, aber zuviel muss auch nicht sein). Heute ging das leider nicht. Denn da wo die Trasse langgeht, mussten auch wir langfahren — so war es abgesprochen. Welcher Biker kann schon von sich behaupten, mal sieben Kilometer lang auf einem Panzertrack das Relief der Landschaft abgefahren zu sein? Stellt euch die Trasse in der Neuendorfer Heide folgendermassen vor: Du hast Holzwueste. Sprich, Kiefernwald, ca. 20-25 Jahre alt. Nichts anderes. Nur Kiefern. In diesen „Wald“ (der auf hellem Sand waechst) schlaegt man eine gut 100 Meter breite Schneise und laesst die dann so. Hier und da waechst eine Steppengrasart, aber gerade einmal so duerftig, dass ein Aufsetzen des Fusses das Wachstum einer Graspflanze der letzten zehn Jahren zunichte macht. Diese gut 100 Meter breite Schneise wird nun von einer weiteren, ebenfalls so breiten Schneise mit einer 380 kV Leitung drauf im 90 Grad Winkel gekreuzt. Dazu hast du Temperaturen weit jenseits der 30 Grad — Schatten gibt es ja keinen. Was ein Bild! Leider musste ich zu diesem Zeitpunkt feststellen, dass der Akku meiner Kamera leer war. Ich bin wie angestochen ueber den Sand getobt und flucht die ganze Zeit vor mich hin. Das 360 Grad-Panoramabild von dieser Trassenkreuzung reiche ich aber auf jeden Fall irgendwann nach. Versprochen.

Mit der Wut im Bauch, drueckten wir weiter suedlich, Richtung Baruth. Wir erreichten das Baruther Urstromtal, wo wir uns ueberlegen mussten, wie wir einen 2 Meter breiten Wassergraben ueberqueren wollten. Nachdem ich meine Beine ausgiebig mit Brenesselblaettern massiert hatte und diese total rot waren, kletterte ich auf einen Jagdhochstand und konnte in einiger Entfernung einen Uebergang ueber den Graben erspaehen. Rob wurde vorgschickt, um meine Beobachtung zu verifizieren, was er dann auch wahrheitsgemaess machen konnte. Nun mussten wir noch ca. 2,5 Kilometer ueber eine Wiese. Querfeldein. Absoulut nervend und asozial, aber notwendig. Das naechste Stueck Wald, in dem die Trasse verlief, war dann genau von der gleichen Beschaffenheit, wie im vorletzten Absatz beschrieben…

Bei Klein Ziescht querten wir die Bahnstrecke. und folgten weiterhin der Trasse. Etliche Kilometer weiter machten wir dann das erste Mal Pause, der Tacho zeigt 52 Kilometer ab KW an. Ich bemerkte, dass mein Hinterrad scheinbar Luft verlor, schnappte mir also die Pumpe und machte noch etwas von der guten Luft rein. 200 Meter weiter war schon wieder wenige Luft drin und genau in diesem Moment knalle ich durch eine Bodenwelle. Snakebite.

Ersatzschlauch raus, leicht angepumpt. Lautes Zischen zu vernehmen. Shit. Flickzeug raus. Schlauch repariert und eingebaut. Aufgepumpt. Ventil schief. Shit. Luft wieder raus. Neuer Versuch. Das gleiche wieder. Nochmal Luft raus und diesmal auf das Ventil geachtet.

Habe es dann geschafft, den Willen von dem Teil zu brechen und es blieb dann dort, wo ich es haben wollte. Endlich weiterfahren.

Ein paar Kilometer weiter erreichten wir Petkus und beobachteten im Vorbeifahren Skater auf ihrem neuen Rundkurs „Flaeming Skate“ (oder so), bei uns besser bekannt als „El’s Haustrail“. Keine Ahnung, was er daran so toll findet auf einem zwei Meter breiten Asphaltweg Rad zu fahren, aber gut, wenn er meint, dass das in Ordnung geht, warum nicht? Jeder definiert Mountainbiken halt anders. Irgendwann bekamen wir Probleme: die Trasse war als solche nicht mehr zu erkennen, da sie quer ueber ein bestelltes Feld verlief. Da wir von der Gegend kein Kartenmaterial bei hatten (das fing erst zwei Kilometer weiter wieder an, was wir aber nicht wussten), schlugen wir grob eine Richtung ein, von der wir dachten, sie sei richtig. Ruettelnd ging es ueber Stoppelacker, die Gesichter schmerzverzerrt. Wir erreichten einen Ort: Vier Strassen, alle hiessen Dorfstrasse. Unglaublich. Wir stellten fest, dass es sich um den Ort Schlenzer handelte und freuten uns, denn das Kaff war am oestlichsten Rand auf unserer Karte verzeichnet. Vernuenfitge Navigation war also wieder moeglich.

Nun wurde Tempo gemacht, wollten wir doch in Wittenberg vor der Abfahrt unseres Zuges wenigstens noch ein Weissbier trinken. Nun kam es, dass wir zehn Kilometer weiter in Oehna an einem lecker Cafe vorbeifuhren und rob war absolut nicht davon zu ueberzeugen weiterzudruecken. Also kurz rangefahren und breitgemacht. Neben uns waren nur noch ein paar Skater anwesend (ja, auch hier geht El’s Haustrail lang), die dummes Zeug laberten. Also ich meine, noch duemmeres Zeug als wir. Nach einer Apfelschorle + zwei Stueck Kirschquarkkuchen (rob) und zwei Radler + zwei Kirschquarkkuchen (rikman) und 10,40 Euro + Trinkgeld ging es wieder in den Wald. Wir ueberquerten kurz darauf die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt und wurden sogleich Zeugen, wie Steuergeldverschwendung in seiner reinsten Form aussieht: Mitten im Wald (und ich meine damit wirklich „mitten im Wald“) steht da doch tatsaechlich ein Schild, welches in der StVO als Nummer 327 gelistet ist: Radweg. Wir haben uns erst mal weggehauen und danach darueber philosophiert, warum es so etwas in Brandenburger Waeldern nicht gibt.

Als wir mit Laestern fertig waren(so eine halbe Stunde spaeter) und einen stinkenden Kuhstall weit hinter uns gelassen hatten, waren wir auch schon fast direkt an der Elbe, der wir aber heute ausnahmsweise mal keinen Besuch abstatten wollten. Von da aus waren es auch nur noch ein paar (unspektakulaere) Kilometer nach Wittenberg rein. Dort zogen wir erst mal Geld aus dem Automaten und erwiesen irgendeinem (der wahrscheinlich im Wochentakt stattfindenden) Luther-Fest die Ehre. Wir beschlossen vor dem sehnsuechtig erwarteten Weissbier erst noch etwas Nahrung zu uns zu nehmen und entschieden uns fuer einen Doener. Dieser hat ja bekanntermassen das beste Preis-/Sattmachverhaeltnis von allen an deutschen Imbissstaenden zu erwerbenden Fressalien. Nach dem wir die Dinger eingeatmet hatten rollten wir 50 Meter weiter und liessen uns bei einer ganz nett ausschauenden Pizzeria nieder. Nach ca. fuenf Minuten kam dann auch schon die Bedienung, man wuerde sagen, ein 20jaehriger, Golf I fahrender, dreimal-im-Jahr-nach-Malle-reisender Moechtegernsuedlaender in Achselshirt und Labberjeans.

Rob hat mich gebeten, ab hier fortsetzen zu duerfen. Also dann, leg mal los.

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