Wir haben ihn besiegt, den Schneematsch

Nach kurzem Smalltalk sattelten wir unsere Pferdchen again und machten weiter nach Norden. Kurze Zeit später durchpflügten wir das Gelände eines Zeltplatzes und ich machte mich lustig, ob es denn Deppen gibt, die hier auch im Winter hausen. Wie ihr nun sicher sofort vermutet, ist dem tatsächlich so! Jockel nutzte die Gelegenheit und erkundigte sich nach der nächsten Wirtschaft. 250 Meter weiter kehrten wir ein, wenn man das so nennen kann. An der Tür zu dem Café stand “Bitte klingeln, komme sofort”. Dieser Spruch könnte auch aus einer dieser 0190er Fernsehwerbungen stammen. Wir stellten unsere Bikes vor der Bude ab und dann kam auch schon die Besitzerin an die Pforte. Sie machte uns sofort auf eine sehr charmante Art und Weise klar, dass wir unsere versifften Bikes nicht an den kleinen Zaun stellen dürften, da dort gerade Efeu gepflanzt wurde. Ich unterstelle einfach mal, sie wollte uns mit dieser nicht gerade einladenden Bemerkung zum sofortigen Verlassen ihres Grundstücks auffordern. Sie hatte sicher Angst um ihre Inneneinrichtung, übrigens im Stile des Gelsenkirchener Barocks gehalten, die wir unabwendbar beschmutzen würden. Dass solche spitzen Andeutungen aber beim Eisenschweinkader an der falschen Stelle sind, wusste die gute Frau nicht. Aber kein Mensch ist vollkommen und beim nächsten Mal weiß sie es dann hoffentlich, mit wem sie es zu tun hat.

Nach kurzer Speise (Heißgetränk und Stück Kuchen) mussten wir weiter. Das nächste Kaff (was heißt “das nächste”, es war das erste auf dem Weg) war Leuenberg. Rostsammler beschloss hier, auf Grund konditioneller Diskrepanzen zwischen ihm und dem Rest der Rotte, die Straße Richtung Berlin zu nehmen. Nach der Dispensierung ging es weiter. Zu diesem Zeitpunkt zog auch ein richtiges Eisenschweinwetter auf: XTR-graue, tief hängende Wolken, die sich mit erbarmungsloser Geschwindigkeit über unseren Köpfen hinweg bewegten. Meine Vermutung, dass die an uns vorbeiziehen, sollte sich nicht ganz bestätigen. Doch dazu gleich mehr. Nach Durchquerung von Leuenberg fragte jockel an einer Feldwegkreuzung: “Abkürzen oder Durchziehen?”. Jockels Meinung ist im Zweifelsfalle IMMER “Durchziehen”, ich schloss mich dem an, ritzelflitzer sagte nur ein Wort: “Egal”. Also “Durchziehen”. Wir bolzten über richtig mistige Feldwege (“Feld” in Feldweg ist hier auf die Oberflächenbeschaffenheit des “Weges” bezogen: wir hätten, ohne auch nur geringste Unterschiede feststellen zu müssen, auch auf dem angrenzenden Acker “fahren” können), um dann immer tiefer in den dunklen Wäldern der Mark Brandenburg zu verschwinden. Nun kam der Moment, in dem meine Wetterprognose nicht stimmen sollte: aus den oben angesprochenen XTR-grauen Wolken entlud sich ein Schauer von richtig fiesem Graupel auf Mutter Erde. Gepaart mit dem eisigen Wind, der uns um die Ohren pfiff, ergibt dies ein echt fieses Gefühl auf der zarten Gesichtshaut eines Eisenschweins. Wie viele kleine Nadeln stachen die kleinen Eisbrocken in mein unrasiertes Antlitz. Der Schauer hielt sich aber nur ungefähr zehn Minuten über unseren Köpfen und ließ dann der Sonne den Vortritt. Man, war das schön: eben noch grau, nun blau. Den Wegen war das egal, die waren immer noch matschig und es wurde teilweise noch schlimmer. Das Ziel vor Augen, verachtete ich die Wege aber samt ihrer sehr schwer fahrbaren Oberflächenkonsistenz. Hin und wieder fluchte ich laut vor mich hin, was aber einigermaßen normal ist. Wer also noch nicht mit mir gefahren ist und irgendwann mal in die Gelegenheit kommen sollte: lasst euch nicht davon beeindrucken, das ist eben so. Jockel zum Beispiel nimmt so etwas immer mit nahezu mysteriöser Ruhe einfach hin.

Irgendwann begann jockel vorne richtig Druck zu machen, den ritzelflitzer und ich nicht mitziehen konnten. Ritzelflitzer knabberte sicher immer noch an der Aufholjagd zum Anfang und fuhr dicht an meinem Hinterrad. Irgendwann reichte es mir – der Abstand von jockel betrug zeitweise ungefähre 250 Meter – und ich schaltete auf das große Kettenblatt. Ich brauchte bestimmt 2 Kilometer, um den Abstand zu jockel auf null zu dezimieren. Ich brüllte nur noch “Es reicht! Warum fährst du so schnell?”. Jockel, ein Grinsen von Ohr zu Ohr, meinte lax: “Nun ja, ich muss so einen dicken Gang treten, da die Ritzel hinten von Schneematsch durchsetzt sind und deshalb nicht fahrbar sind.”. Danke für die lässige aber sicher korrekte Antwort. Das Problem hatte ich auch die meiste Zeit der Tour, die unteren 5 Ritzel konnte ich meist nicht benutzen. Verschleißtechnisch gesehen war das heute die schiere Vergewaltigung des Antriebs (ich hatte Kassette, Kette und Kettenblätter erst vor einer Woche getauscht und nun das…)

Ab nun ging es recht ruhig zu, die letzten 2 Kilometer noch locker auf der Straße ausgerollt, am Bahnhof noch schnell den Imbiss in Beschlag genommen und Bockwurst und Cola eingeworfen. Dort zog sich dann auch bei mir ein breites Grinsen quer durchs dreckige Gesicht. Bei ritzelflitzer hatte ich nun nicht mehr die Vermutung, nein, ich war mir sicher die pure Glückseligkeit in seinem Gesicht erkennen zu können.

In der S-Bahn tauschten wir noch schnell unsere nassen Sachen gegen mitgebrachte trockene aus und genossen die Rückfahrt nach Berlin-City.

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